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BUWOG & LORENZATELIERS: Ein Grundstück – vier Nutzungen: Die neue Stadt hat begonnen

11.08.2022
Lesedauer : ca. 5 Minuten
Außenansicht RIVUS Schule/Spar

Außenansicht RIVUS Schule/Spar

  • Zukunftsweisendes Projekt zur Reduktion des Flächenverbrauchs mit BigSEE Award ausgezeichnet
     
  • Multifunktionaler Baukörper als Vorreiterprojekt für zukunftsweisenden Städtebau als Alternative zur Charta von Athen, die eine Trennung der Funktionen propagiert
     
  • Nachhaltigkeit & Klimaschutz: Gewerbegebiete dürfen nicht mehr mono-funktional sein, sondern müssen zu urban genutzten Mischgebieten umgewidmet werden

Stadtentwicklung ist ein Thema, das uns – anders als in den vergangenen Jahrzehnten – massiv beschäftigen wird müssen. Zu offensichtlich sind die enormen negativen Auswirkungen unserer Vorstädte u.a. auf den Klimaschutz, das Verkehrsaufkommen, den Flächenverbrauch und die Schönheit unserer Städte. Corona hat uns Zeit zum Nachdenken geschenkt, einen schärferen Blick auf unsere Städte gefördert und zu einer Neubewertung von Wohnen und Arbeiten geführt. Von allen laufenden Krisen in der aktuellen Zeitenwende müsse wohl vorrangig die Klimakrise „unsere Städte neu denken lassen“, meint Architekt Peter Lorenz. Denkmodelle und Theorien schaffen die Voraussetzungen für die Umsetzung avantgardistischer Neubauprojekte, die ihrer Zeit voraus sind und Orientierungshilfen aktueller und zukünftiger Stadtgestaltung werden – wie etwa das Projekt RIVUS Schule/Spar in der Breitenfurter Straße in Wien/Liesing.

Als Teil des Gesamtprojekts RIVUS entwickelte die BUWOG gemeinsam mit Peter Lorenz von LORENZATELIERS einen vorausschauenden, multifunktionalen Baukörper mit horizontaler Schichtung von vier Nutzungen (halbversenktes Parkdeck, Lebensmittelmarkt, 17-klassige öffentliche Volksschule, Freiflächen auf dem Dach), die in der städtebaulichen Vergangenheit vier Grundstücke beanspruchten. Dieses besondere Bauwerk wurde nun kürzlich mit dem BigSEE Award in der Kategorie Architektur ausgezeichnet. Der BigSEE Award prämiert jährlich die besten Projekte in der Region Südöstliches Europa in den Kategorien Architektur, Interior, Product, Fashion, Wood und Tourismus Design.

„Es ist eine große Anerkennung für unser städtisches Engagement, dass unser gemeinsam mit der BUWOG entwickeltes Projekt RIVUS Schule/Spar mit diesem renommierten Award ausgezeichnet wurde“, so Lorenz. „Die Zeit von der Entwicklung bis zur Eröffnung bzw. Realisierung hat mehrere Jahre in Anspruch genommen und war durch den innovativen Charakter für alle Projektbeteiligten eine enorme Herausforderung – allen voran für den Bauträger BUWOG, aber auch die Stadtpolitik, die Planungsbehörden, die Nutzer und natürlich die Architekten selbst.“

„Dass dabei etwas Gutes und Erfolgreiches entstehen kann, beweist RIVUS Schule/Spar und es macht uns stolz, dass wir damit beispielgebend vorangehen“, meint Andreas Holler, Geschäftsführer der BUWOG Group GmbH, und ergänzt: „Österreich ist der wenig ruhmhafte Europameister in punkto Flächenverbrauch – täglich werden hierzulande Flächen im Ausmaß von mehr als 12 Fußballfeldern verbaut. Das ist sechsmal so viel, wie die jeweilige Bunderegierung seit mehr als 20 Jahren als Obergrenze vorgibt. Wir befinden uns also in einer Situation, in der Umdenken keine Option mehr ist, sondern eine Notwendigkeit. Umso mehr freue ich mich, dass wir mit RIVUS Schule/Spar und der Auszeichnung mit dem Big SEE Award die Zukunftsfähigkeit derartiger Projekte belegen konnten.“ Erst im Frühjahr 2022 wurde das Projekt mit dem International Property Award in der Kategorie Public Service Development europaweit gewürdigt.

Vorstädte urbanisieren, statt Neuwidmung

„Die weltweit ‚krebsartig‘ gewachsenen Vorstädte gehen städtebaulich gesehen auf die Charta von Athen 1933 zurück – eine Reaktion auf die großen Umweltprobleme der städtischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert“, erklärt Peter Lorenz. Man habe damals das Heil in der Trennung von Funktionen gesucht, die zusammen mit der autogerechten Stadt der 50er Jahre das heutige „Drama der Vorstädte“ begründet hat. Es bestünden zwar im Gegensatz dazu schon seit den 1950er Jahren alternative Stadtvorstellungen – durchgesetzt habe sich trotz allem aber die heute so beklagenswerte Trennung. „Seit Ende der 60er Jahre haben wir in ganz Europa die historischen Stadtkerne mit strengen Auflagen zu bewahren gelernt und das Auto immer mehr verbannt. Währenddessen sind die Außenbezirke überall dem ‚Wildwuchs‘ außerhalb jeder Planung überlassen worden. Auch wenn es gerade in Wien beeindruckende Neukonzeptionen gibt, entsetzt uns alle landesweit ein Mischmasch aus Einfamilienhauswüsten, Gewerbegebieten mit Tankstellen, Möbel-/Lagerhäusern, Einkaufszentren und was auch immer in der Innenstadt keinen Platz mehr findet.“ Nach einer Novellierung des Verfassungsrechts im Jahr 1962 hätten die Gemeinden die Planungshoheit über die Raumordnung überlassen erhalten. „Das wirkt sich in den größeren, planungskompetenten Städten anders aus, als in den überforderten Landgemeinden mit einem politischen Beziehungsgeflecht“, so Lorenz. „Natürlich gibt es eklatante Unterschiede zwischen den Städten mit eigenen Planungskompetenzen und den überlasteten Landgemeinden. Wien ist sich der Problematik durchaus bewusst – Luft nach oben für wichtige Verbesserungen gibt es aber auch in der Hauptstadt.“

„Unsere Stadterweiterungen sind flächenmäßig viel zu groß“, fügt Holler hinzu. Dies habe dazu geführt, dass der Verkehr sich verstärkt und Distanzen sich erhöht haben. „Man muss sich anschauen: Wo wohnen die Menschen und wo arbeiten sie? Wenn diese Distanz zu groß wird, kommt es zu Problemen, die wir seit einigen Jahren in vielen Städten beobachten können.“

Gewerbegebiete sollen urbanisiert werden

Peter Lorenz fordert daher ein Umdenken, auch wegen der unterschätzten Auswirkung auf den Klimaschutz: „Gewerbegebiete dürfen nicht mehr mono-funktional genutzt sein, sondern müssen urbanisiert werden.“ Dies schließe höhere Dichten, innerstädtische Bauhöhen und Nutzungsmischungen wie im Kerngebiet mit ein. „Angesichts der massiven Flächenverschwendung sollte man Gewerbeflächen besser nutzen und Flächen für Bildung, Kultur, Sport und vor allem Wohnungen und sogar Außenanlagen etc. horizontal aufeinander schichten. RIVUS Schule/Spar zeigt, wie der Städtebau der Zukunft aussehen muss – mehrere, in diesem Fall vier Nutzungen, auf einem Grundstück“, so Andreas Holler.

Diese zeitgemäße Haltung entspräche auch dem EU-Ziel des Netto-Null-Flächenverbrauchs bis 2050 – dafür sollten sich die Mitgliedstaaten bis 2023 eigene ehrgeizige nationale, regionale und lokale Ziele für die Verringerung des Netto-Flächenverbrauchs für 2030 stecken und die Flächenverbrauchshierarchie vermeiden – wiederverwenden – minimieren – ausgleichen anwenden, anstatt weitere Natur- oder Agrarflächen zu versiegeln. „Der große Umbruch muss allerdings schon viel früher stattfinden“, so Lorenz, „denn wir werden es uns nicht so lange leisten können, weiter zu machen, wie bisher.“ Dies zeichne sich bereits jetzt in den steigenden Baukosten ab. „Allein aus wirtschaftlichen Gründen wird man sich überlegen müssen, wie Projekte in Zukunft gebaut werden können und wie man z.B. auf Lagerhallen Wohnungen aufsetzen kann.“

RIVUS Schule/Spar: Ein Avantgardestück

Mit RIVUS Schule/Spar habe man ein Pilot- und Vorzeigeprojekt entwickelt, das auch für die Stadt Wien ein Renommierprojekt sei. Andreas Holler: „Wir haben hier gemeinsam mit dem Architekten ein europäisches Avantgardeprojekt in Österreich geschaffen, dessen Besonderheit nicht allein in der Architektur liegt, sondern vielmehr in der städtebaulichen Pionierleistung.“

Lorenz hält fest, es sei selbstverständlich, dass die Umsetzung eines so zukunftsweisenden Projekts auch mit enormen Herausforderungen für alle Beteiligten verbunden sei. „Einerseits bestand der Wunsch und die Bereitschaft der Stadt, der BUWOG und natürlich auch von uns, die Liegenschaft innovativ zu entwickeln. Andererseits erzeugen innovative Projekte immer Widerstand, Diskussion und Reibung – doch das ist auch wichtig, denn nur so kann etwas Neues entstehen.”

Etwas Neues war RIVUS Schule/Spar auch für die BUWOG, wie Holler abschließend festhält: „Wir sind als Wohnbauträger zwar entsprechend spezialisiert, ich sehe es aber als Teil unserer Verantwortung, uns ständig weiterzuentwickeln. Dazu zählt auch, urbane Innovationen zu fördern – und das in allen Bereichen.“

 

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Natascha Toegl

Pressesprecherin